Wie man marginalisierte junge Menschen im SGB II wieder erreichen kann

Der Kreis Minden-Lübbecke sieht sich in einer besonderen sozialen Verantwortung für die entkoppelten jungen Menschen im SGB II, die mit dem Regel-Instrumentarium des SGB II nicht nachhaltig erreichbar sind. Im Rahmen eines zweijährigen Projektes wird eine niederschwellige Maßnahme für 18-25-Jährige SGB II-Empfängerinnen und Empfänger wissenschaftlich begleitet.

Erste Zwischenergebnisse

Nach einem Jahr Laufzeit liegen erste Zwischenergebnisse vor. Junge Menschen im SGB II, die aus dem Beratungsangebot der Arbeitsvermittlung des Jobcenters herausgefallen sind, werden in einer methodischen Trias aus aufsuchender Sozialer Arbeit, Beratungs- und Gruppenarbeit angesprochen. Die Zielgruppe gegenüber einer Kontrollgruppe ohne Treffpunkt-Teilnahme kennzeichnet signifikant das männliche Geschlecht, das Vorliegen maximal eines Hauptschulabschlusses, ein Leben in einer Single-BG und die Arbeits- oder Ausbildungssuche.

Die Forschungsfragestellungen lauten: Wie können Kontaktabbrüche im Jobcenter zukünftig vermindert werden? Wie kann ein nachhaltiger Kontakt zu schwer erreichbaren jungen Erwachsenen wieder hergestellt werden? Die ersten Ergebnisse zeigen auf, dass der Treffpunkt als Jobcafe zwischen lebensweltlicher Verortung und berufsfördernder Perspektive an den Bedürfnissen der Teilnehmenden niederschwellig ansetzt.

Soziale Arbeit in den Treffpunkten – als eine Art Auffangbecken für die am Regelsystem Gescheiterten – bietet als Gegenmodell zu hochschwelligen Dienstleistungen und Hilfen einen Schonraum für die Nutzerinnen und Nutzer. Treffpunkte agieren als Übersetzungsleistung für das Jobcenter.

Problemaufriss

Seit längerem beschäftigt sich die Integrationsförderung des SGB II mit sozial benachteiligten jungen Menschen, gekennzeichnet durch kumulierte Problemlagen, die sich im Phänomen schwerer Erreichbarkeit manifestieren. In der pädagogischen Fachliteratur werden sie unter dem Begriff der NEETs (=Not in Eduacation, Employment or Training) subsumiert.

Zu den individuellen Problemen dieser jungen Menschen zählen schwierige Schulkarrieren, die ohne oder nicht ausreichenden formalen Abschluss enden und einen Übergang in den ersten Arbeitsmarkt erschweren bis verhindern. Gesundheitliche Einschränkungen, frühe Elternschaft, Suchterkrankungen, schwierige Beziehungen zur Ursprungsfamilie, Verschuldung, Kriminalitätserfahrungen und ähnliches treten häufig auf.

Unterstützungsangebote, z.B. der Jugendhilfe, entfallen oft beim Übergang in die Volljährigkeit; die sozialen Beziehungen wirken eher negativ verstärkend als unterstützend hinsichtlich einer Orientierungshilfe.

Langjährige Abhängigkeit von institutionellen Hilfen mit gleichzeitigen Erfahrungen von gescheiterten Integrationsversuchen, demotivierenden Alltagserfahrungen, Hoffnungslosigkeit und Resignation lassen sich beobachten. Die erforderliche Eigeninitiative für ein selbstständig geführtes Leben in der Volljährigkeit ist oft nicht vorhanden oder bedeutet eine Überforderung.

Die aktuelle Studie des Deutschen Jugendinstituts zeigt, dass solche „entkoppelten“ Jugendlichen gefährdet sind zeitweise oder dauerhaft sozial ausgeschlossen zu sein (Mögling, Tillmann, Reißig 2015). In den Schlussforderungen der Studie werden unbürokratischere Hilfsangebote wie niederschwellige, individuelle Beratungen für die Jugendlichen empfohlen.

Die Nicht-Inanspruchnahme von SGB II-Maßnahmen verschärft die prekäre Situation dieser jungen Menschen. Das vorrangige Ziel eines spezifisch auf diese Zielgruppe der schwer erreichbaren jungen Menschen ausgerichteten Ansatzes ist es, wieder an bestehende Beratungs- und Unterstützungsangebote heranzuführen, regelmäßigen Kontakt zum Jobcenter zu etablieren und Anschlussoptionen herzustellen. Die Integration in den Arbeitsmarkt kann dabei oft nur mittelfristiges Ziel sein.

Projektooperation in einem Trägerverbund

Die Jobcenter des Kreises Minden-Lübbecke und des Landkreises Schaumburg kooperieren in einem Projekt mit einem Trägerverbund bestehend aus vier regionalen Bildungsträgern und einem wissenschaftlichen Institut an der Universität Bielefeld. Das Projekt umfasst eine Laufzeit vom 01. September 2016 bis 31. August 2018 und wird aus Eingliederungsmitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales finanziert.

Das vorrangige Ziel der Maßnahme reduziert sich nicht allein auf die Überführung der jungen Menschen in Ausbildung oder Beschäftigung. Vielmehr sollen wesentliche Voraussetzungen geschaffen werden für eine gelingendere Lebenspraxis und deren Stabilisierung. Hierzu gehört, junge Menschen in die Lage zu versetzen, berufliche und persönliche Lebensperspektiven zu entwickeln und verfolgen zu können.

Der Idee des Capability-Ansatzes folgend geht es darum, die Reichweite und die Qualität machbarer Daseins- und Handlungsalternativen in wesentlichen Lebensbereichen zu erweitern (Düker, Ley, Ziegler 2013).

Ein weiteres Ziel des Vorhabens ist es, mit einer wissenschaftlichen Begleitung die Projekterfahrungen systematisch zu bündeln und Handlungsempfehlungen für Angebote, Strukturen und Prozesse der Regelsysteme abzuleiten.

Das Anliegen der beteiligten Jobcenter lautet zum einen, die Dynamiken zu verstehen und zu systematisieren, die in einen Maßnahmeabbruch münden. Zum anderen gilt es herauszuarbeiten, wie die Reintegration in das bestehende System SGB II gelingen kann. Auf dieser Grundlage sollen Anforderungen und Erfolgsfaktoren benannt und identifiziert werden, die eine Weiterentwicklung der Regelsysteme zur Folge haben.

Methodisches Vorgehen

Das Handlungskonzept basiert auf mobiler Sozialer Arbeit, die an niederschwellige Begegnungsstätten an fünf Standorten angedockt ist. Im Mittelpunkt steht eine Einzelfallarbeit mit gezielten Aktivierungs- und Gruppenangeboten (von Projekten der alltäglichen Lebensführung bis hin zu grundlegender Berufsorientierung). Die aufsuchende Soziale Arbeit ist durch Kontaktaufnahme und persönliche Beziehungsarbeit gekennzeichnet. Die Kontaktaufnahme dient dem Aufbau eines Vertrauensverhältnisses.

Zugang zu den Teilnehmenden erfolgt über unterschiedliche Medien. Nach einer persönlichen Kontaktaufnahme durch die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter ist die Kontaktbeibehaltung oft über digitale Kommunikations-Apps einfacher und erfolgreicher. Inhalte der Gespräche sind informelle Themen mit Bezug zur Lebenswelt der Teilnehmenden. So finden die ersten Treffen im sozialen Umfeld der Betroffenen statt, an Treffpunkten auf der Straße, Szenetreffen o.ä. Eine fordernde und direktive Vorgehensweise wird in der ersten Phase der Vertrauensherstellung eher vermieden.

Ein zweiter Schwerpunkt der Maßnahme sind offene Begegnungsstätten für die Teilnehmenden an fünf Standorten. Diese „Treffpunkte“ haben regelmäßig an vier bis fünf Tagen pro Woche von 10-12 Uhr geöffnet und sind für 7-14 Teilnehmende pro Standort verfügbar. Sie haben Jobcafè-Charakter, bieten Raum für Gruppenaktivitäten, Besprechungsräume und Bewerbungstrainings.

Die Maßnahmedauer beträgt mindestens acht Monate und kann individuell bis auf zwölf Monate verlängert werden. Der Betreuungsschlüssel beträgt ein Sozialarbeiter/eine Sozialarbeiterin für sieben Teilnehmende. Für die erste Phase der Kontaktherstellung sind zwei Monate vorgesehen, für den Kontakt- und Vertrauensaufbau sind vier Monate Zeit. In den letzten beiden Maßnahmemonaten wird die Perspektive für den weiteren beruflichen Weg entwickelt und es findet eine Wiederanbindung an die Jobcenterberatung statt.

Die wissenschaftliche Begleitung umfasst folgende Bausteine:

  • Experteninterviews mit Fachkräften der Jobcenter und der Bildungsträger
  • Analyse von Jobcenter-Statistiken
  • Analyse der Falldokumentation (Fallakte Jobcenter, Tagebücher der Treffpunkte – die Daten wurden nur mit Einverständnis der Teilnehmenden zur Verfügung gestellt)
  • Biografische Interviews mit den jungen Menschen, die an einer Treffpunktmaßnahme teilnehmen bzw. teilgenommen haben

Zielgruppenbeschreibung

Aus Jobcenterperspektive lässt sich diese Zielgruppe wie folgt beschreiben:

  • 18-25-jährige junge Menschen, die ihre allgemeine Schulpflicht erfüllten,
  • bereits für verschiedene Maßnahmen vorgesehen waren, die jedoch entweder nicht angetreten oder abgebrochen wurden,
  • mittlerweile von Mitarbeitenden des Jobcenters mit SGB II-Instrumenten und Einladungen zu Beratungsterminen kaum erreichbar sind ,
  • nie aktiv an einer Maßnahme teilgenommen haben.

Auswertung der arbeitsmarktstatistischen Daten

Zum Zeitpunkt des Zwischenberichts des Projektes Treffpunkt liegen die Auswertungen der arbeitsmarktstatistischen Daten sowie die Experteninterviews vor. Die Analysen der Falldokumentation der Bildungsträger und der Jobcenter sowie die biografischen Interviews mit den Teilnehmenden werden im Abschlussbericht vorgestellt.

Eine vergleichende Analyse der Teilnehmenden einer Treffpunktmaßnahme mit der der Kontrollgruppe der Nicht-Teilnehmenden des Jobcenters Kreis Minden-Lübbecke zeigt folgende signifikante Merkmale:

  • Geschlecht: Teilnehmende sind häufiger männlich
  • Wohnverhältnisse: Teilnehmende leben häufiger in Single-BG
  • Schulabschluss: Teilnehmende kommen häufiger von Hauptschule/Förderschule
  • Art der Beschäftigungssuche: Teilnehmende suchen häufiger einen Arbeitsplatz oder Ausbildungsplatz
  • Zahl versäumter Termine im Jobcenter: Teilnehmende versäumten häufiger unentschuldigt Termine innerhalb von 90 Tagen

Die multivariate Analyse verschiedener Merkmale zeigt als stärksten Einfluss für bzw. gegen die Zuweisung in die Projektmaßnahme:

  • die Zahl der versäumten unentschuldigten Termine im Jobcenter
  • männliches Geschlecht
  • Abgeschlossene Schulbildung jenseits des Hauptschulabschlusses

Alle anderen Faktoren sind in der Analysekonstellation ohne Wirkung (vgl. Zwischenbericht S. 47 ff).

Experteninterviews

Die leitfadengestützten Experteninterviews mit je fünf Fachkräften der beteiligten Jobcenter und der beauftragten Bildungsträger wurden zu folgenden Oberthemen geführt:

  • Arbeitsalltag mit schwer erreichbaren jungen Erwachsenen
  • Beschreibung der Zielgruppe
  • Erfolgreiche und gescheiterte Beratungsprozesse
  • Kooperation Träger/Jobcenter
  • Ausblick

Die wichtigsten Erkenntnisse von Mitarbeitenden der Bildungsträger und der Jobcenter (vgl. Zwischenbericht S. 58 ff):

Die Zielgruppe wird mit ähnlichen sozioökonomischen Faktoren beschrieben wie in der statistischen Analyse. Weitergehend zu den festgestellten schulischen Defiziten werden wiederholte Erfahrungen des schulischen Scheiterns und Misserfolge offenbar. Im Zusammenhang mit Berufs- und Ausbildungswünschen bleibt Schule ein erforderlicher Schritt zur Zielerreichung.

Ein logischer Zusammenhang scheint zwischen den oft negativen schulischen Erfahrungen und der Vermeidung von Gruppensettings im Maßnahmekontext zu bestehen. Gruppenarbeit ist daher nur für ca. ein Drittel der Teilnehmenden ein passendes Instrument, für die Mehrzahl der Teilnehmenden sind Gruppensettings angstbesetzte Kontexte oder schambehaftet. Sie vermeiden daher oft Situationen, in denen sie sich mit Gruppenkontexten konfrontiert sehen.

Berufswünsche sind bei den Teilnehmenden oft nur vage vorhanden. Dieses Fehlen klarer Berufsziele und z.T. auch das überschätzende Selbstbild der Teilnehmenden erschweren das Finden eines Ansatzpunkts in der Beratung, die in eine berufliche Perspektive münden soll.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nehmen klare Berufsperspektiven als „positiven Anker“ in der Beratungsarbeit wahr. Daher zielen Beratungsgespräche nach dem Beziehungsaufbau in die Erarbeitung einer beruflichen Orientierung. Die Berufsthemen sind dann zu einem späteren Maßnahmezeitpunkt Bestandteile des Jobcafes und von Kleingruppenaktivitäten.

Es ergibt sich ein Bild von mehrfach deprivierten jungen Menschen

Die biografischen Erfahrungen der Teilnehmenden bewegen sich zwischen sehr starker familialer Belastung und sozialer Isolierung. Der Bearbeitung familialer Verstrickungen sind in der Beratungsarbeit der Treffpunkt enge Grenzen gesetzt, sind jedoch für die Betroffenen ein zentrales Thema auf dem Weg in ein unabhängiges Leben.

Auch gesundheitliche Einschränkungen – meist als psychische Erkrankungen – sind ein wiederkehrendes Thema in den Treffpunkten. Die Thematisierungstiefe von „aufwühlenden“ Themen und schwerer Erreichbarkeit als Indiz für psychische Dispositionen sind tägliche Gratwanderungen in der beziehungsorientierten Beratungsarbeit.

Insgesamt zeichnen die Experten über die Zielgruppe ein Bild mehrfach deprivierter junger Menschen, die selten schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden können.

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Abb. 1: Problemlagen der Teilnehmenden in vier Dimensionen (vgl. Zwischenbericht S. 60)

Die Experten der Jobcenter und der Bildungsträger verorten die Treffpunkt-Maßnahme als letzte Möglichkeit für ein Klientel, das nur schwer fassbar ist. Ziele der Beratungs- und Beziehungsarbeit können daher nur im niederschwelligen Bereich anzuordnen sein. Es geht um die Erarbeitung einer Maßnahmereife, die Jugendliche in strukturiertere Maßnahmen integriert oder auch nur um die erneute verlässliche Kontaktherstellung zum System Jobcenter.

Gelingensfaktoren der Treffpunkte

Die fünf Treffpunkte/Jobcafes sind regional und dezentral im Lebensraum der jungen Menschen verortet. Die Treffpunkte sind gleichermaßen Büro, Beratungszimmer, Jobcafe und Raum für Gruppenaktivitäten. Die Niederschwelligkeit zeichnet vier Dimensionen aus (vgl. Mayrhofer 2012, Zwischenbericht S. 62):

  • Zeitliche Dimension wie keine Vorabsprache von Terminen, geringe Wartezeiten
  • Räumliche Dimension wie familiäre Raumstrukturen, z.B. Büros, die wie Cafes eingerichtet sind
  • Inhaltliche Dimension wie z.B. keine Themenbeschränkung
  • Soziale Dimension wie geringe oder gar keine Verpflichtungen für die Teilnehmenden

Die Besonderheit einer niederschwelligen Maßnahme im SGB II-Kontext mit dem gesetzlichen Auftrag der Integrationsförderung kann demnach nicht ganz frei von Zwängen sein. So kann die Zuweisung zu der Maßnahme als Verwaltungsakt erfolgen und ein Maßnahmeabbruch wegen Nichtteilnahme in erneute Sanktionen münden. Im Zuge des § 16 h SGB II wurde ein offeneres Instruments für die beschriebene Zielgruppe geschaffen.

Methodentrias im Treffpunkt

Eine methodische Trias von aufsuchender Arbeit, individueller Beratungsarbeit und Gruppenangeboten wird von den Mitarbeitenden der Treffpunkte individuell auf die Bedarfe der Teilnehmenden abgestimmt.

Die aufsuchende Arbeit umfasst die Hälfte der Arbeitszeit der Treffpunkt-Mitarbeitenden. Beginnend mit einer schriftlichen Einladung, die meist ohne Reaktion bleibt, nehmen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter telefonisch, per WhatsApp oder durch einen Hausbesuch Kontakt auf. Eine chronologische Reihenfolge dieser Kontaktanbahnungen gibt es nicht.

Teilweise bahnen die Mitarbeitenden bis zu zehn Kontakte an, bis ein Treffen zustande kommt. Von Seiten der Bildungsträger wird dieser Zugang als Beharrlichkeit beschrieben; eine einseitige Aufrechterhaltung der Kommunikationsentstehung. Auf der Seite der jungen Erwachsenen wird diese Beharrlichkeit mit einem Gefühl der Bedingungslosigkeit erlebt.

Der Sozialarbeiter oder die Sozialarbeiterin richtet sich nach den Zeiten, Orten, Bedürfnissen der Teilnehmenden, unabhängig davon, wie oft Termine nicht zustande kamen. Die Themen sind offen und setzen an den Bedürfnissen der Teilnehmenden an. Der Übergang zu berufsperspektivischen Themen gelingt bei der Mehrzahl der Jugendlichen nach einem grundlegenden Vertrauensaufbau recht schnell.

Schwellenmanagement der Treffpunkte

Die niederschwellige Soziale Arbeit der Treffpunkte gewinnt den Charakter eines Gegenmodells zu hochschwelligen Jobcenter-Dienstleistungen und Maßnahmeangeboten.

Das Ziel der Treffpunkt-Mitarbeitenden ist für die Teilnehmenden eine „Übersetzungsleistung“ und Anwaltschaft gegenüber der Institution Jobcenter wahrzunehmen. So kann der Sozialarbeiter und die Sozialarbeiterin den Teilnehmenden zum Jobcentertermin mit dem Arbeitsvermittler und der Arbeitsvermittlerin begleiten. Die Rückführung in hochschwellige Strukturen erfolgt nach Mayrhofer in vier Phasen (vgl. Mayrhofer 2012 , vgl. Zwischenbericht S. 65 ff):

  • Grundlegende vertrauensvolle Kontaktherstellung
  • Überleitung vom konkreten Vertrauen in ein abstraktes Vertrauen in die berufliche Rolle
  • Herstellung einvernehmlicher Problemdeutungen und Zielsetzungen
  • Überleitung zu noch unvertrauten Hilfeeinrichtungen.

Mit der stabilen Kontaktherstellung zum Jobcenter wäre das Minimalziel der Treffpunktmaßnahme erreicht.

Phasen der Nichterreichbarkeit

Im Maßnahmeprozess ist keine stringente Entwicklung bei Teilnehmenden zu beobachten. So folgen auf Phasen der gelungenen Kontaktherstellung immer wieder auch Phasen der Nicht-Erreichbarkeit und des zeitweisen Rückzuges. Oft erfolgt ein Rückzug der Teilnehmenden an Übergängen in einen neuen Entwicklungsabschnitt.

Nach König, Köhler, Schäfer (2015 s. Zwischenbericht S. 66) sind Übergangsphasen mit besonderer Vulnerabilität verknüpft. Dieses Phänomen des Übergangs in eine neue Phase ohne Treffpunkt wird wiederholt sechs Wochen vor Maßnahmeende beobachtet.

Mit dem erneuten Kontaktabbruch der Teilnehmenden zum Zeitpunkt von kritischen Übergängen wird deutlich, dass die schwere Erreichbarkeit eine erlernte Strategie der jungen Erwachsenen zu sein scheint. Diese passive Form der Problemlösungskompetenz nimmt den Blick auf vorhandene Ressourcen oder Auswege aus einer subjektiv empfundenen Sackgasse.

Verbleib der bisherigen Teilnehmenden

In den ersten 12 Monaten der Treffpunkt-Laufzeit beendeten 71 Teilnehmer und Teilnehmerinnen diese Maßnahme.

Insgesamt wurden 75 Prozent der Teilnehmenden durch die Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen der Bildungsträger erreicht. 25 Prozent beendeten die Maßnahme wegen fehlender Mitwirkung oder Nichterreichbarkeit.

Ein weiteres Viertel fiel vorzeitig aus dem Kontakt zur Treffpunkt-Maßnahme wegen Umzugs oder Wegfall der SGB II-Leistungen. Sieben Prozent beendeten die Treffpunktmaßnahme vorzeitig wegen gravierender gesundheitlicher Probleme.

Das Minimalziel der Rückführung in die Höherschwelligkeit der Vermittlungsberatung der Jobcenter erreichten elf Personen (15 Prozent).

Den Übergang in eine strukturierte Anschlussmaßnahme oder eine geringfügige Beschäftigung schafften acht Personen (11 Prozent).

12 Teilnehmende (17 Prozent) konnten sogar in eine Ausbildung oder ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis begleitet werden.

Die Maßnahme Treffpunkt wird von den beteiligten Jobcenter-Beteiligten und den Maßnahme-Mitarbeitenden insgesamt als sinnvoll, hilfreich und weiterführend betrachtet. Die Erfolgsquote in der Verbleibstatistik zeigt deutlich, dass die angestrebten Maßnahmeziele mehr als erfüllt werden konnten.

Die größere Gruppe der schwer erreichbaren jungen Erwachsenen kann im SGB II stabilisierend mit individuellen und flexiblen Methoden gefördert werden. Eine Langzeitbetrachtung der Entwicklung der ehemaligen Teilnehmenden wäre allerdings für die Auswertung einer nachhaltigen Maßnahmewirkung sinnvoll.

Zwei Gruppen der Teilnehmenden benötigen offenbar zusätzliche professionelle Unterstützung auf dem Weg in ein gelingenderes Leben:

  • Die Gruppe der nicht erreichten jungen Erwachsenen mit 18 Personen
  • Die zweite Gruppe, welche die Maßnahme wegen Wegfall der SGB II-Leistungen und wegen Umzugs beenden mussten, mit ebenfalls 18 Personen.

Immerhin umfassen diese beiden Gruppen die Hälfte der ehemaligen Teilnehmenden, die gar nicht oder nicht bis zu einem Übergang in eine höherschwellige Phase begleitet werden konnten. Die Notwendigkeit einer rechtskreisübergreifenden und sicherlich auch überregionalen Zusammenarbeit verdeutlichen diese doch recht hohe Anzahl an Betroffenen.

Eine Bewertung durch die Maßnahmeteilnehmenden steht noch aus. Die biografischen Interviews mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern und die Dokumentenanalyse sind Bestandteile des Abschlussberichtes.

Quellenverweis
Unveröffentlichter Zwischenbericht für das Projekt Treffpunkt u 25, November 2017

Weitere Informationen:

Dr. Regina Lehmann
Amt proArbeit Jobcenter
eMail: r.lehmann@minden-luebbecke.de

 

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