Trotz Handicap voll leistungsfähig – Wie Arbeitsmarktintegration gelingen kann

Kann man von der Körpergröße auf die Leistungsfähigkeit eines Menschen schließen? Unsere Gesellschaft tut dies oft. Menschen mit Behinderung werden im Arbeitsleben oft unterschätzt. Zu Unrecht, wie die Praxis zeigt.

Immer noch schlechte Perspektiven für Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt

Der 35-jährige Daniel Euscher arbeitet seit November 2016 bei pape architekten in Herford als Bauzeichner. Bis dahin war es ein langer Weg. Ursprünglich hat er Architektur studiert. Eigentlich kein ungewöhnlicher Beruf für einen Mann – es sei denn, man ist ungewöhnlich klein. Daniel Euscher misst gerade mal 138 Zentimeter.

Wer behindert ist, hat es auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht leicht. Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind zwar gesetzlich verpflichtet, fünf Prozent ihrer Stellen mit Schwerbehinderten zu besetzen. Doch immer noch zahlen viele Arbeitgeber lieber eine Ausgleichsabgabe, als Menschen mit Behinderungen einzustellen.

Aber was heißt überhaupt „behindert“?

Das Jobcenter hat Daniel Euscher und Joseph Pape, Geschäftsführer von pape architekten in Herford befragt:

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Daniel Euscher und sein Chef Joseph Pape, Geschäftsführer von pape architekten.

Herr Euscher, Sie sind 1,38 Meter groß und Inhaber eines Schwerbehindertenausweises. Welche Erfahrungen haben Sie damit bis zu der Zusage von pape architekten gemacht?

Keine Guten. Bisher reichte es immer nur für kurzzeitige und Teilzeitbeschäftigungen. Die meisten Arbeitgeber hatten Vorbehalte und sagten mir das zum Teil auch ganz offen. Sie hatten Zweifel, ob mich die Kunden und Geschäftspartner akzeptieren, ob ich mich gegenüber Bauherren und Handwerkern durchsetzen kann. Und dann gab es auch viele Vorurteile: Zum Beispiel dass Menschen mit Behinderung häufiger wegen Krankheit ausfallen und dass man sie, wenn man sie eingestellt hat, nicht wieder loswird.

Und wie hat es dann aus Ihrer Sicht bei pape architekten geklappt?

Mit einer neuen Bewerbungsstrategie. Ich hatte auf Vorschlag meiner Vermittlerin vom Jobcenter Bünde an einem Bewerbungscoaching teilgenommen, das mir sehr weitergeholfen hat. Wir haben mein Bewerbungsanschreiben um eine dritte Seite ergänzt, auf der ich meine „Behinderung“ beschrieben und meine Leistungsfähigkeit herausgestellt habe. Und ich habe die häufigsten Fragen meiner bisherigen Gegenüber zum Kündigungsschutz, zu speziellen Möbeln und zu Zuschüssen aufgegriffen und gleich mit beantwortet.

Herr Pape, Sie haben Herrn Euscher eingestellt. Womit hat er Sie überzeugt?

Mich hatte tatsächlich zunächst die Bewerbung überrascht. Da war jemand, der selbstbewusst von seiner Kleinwüchsigkeit schrieb und offen mit möglichen Vorurteilen umging. Das hat mich beeindruckt. Aber: Wir sind ein wirtschaftlich handelndes Unternehmen. Bei der Entscheidung für Herrn Euscher haben wir keine Unterschiede zu anderen Bewerbern gemacht. Er hat alle Gespräche in unserem Haus genauso durchlaufen wie jeder andere auch. Überzeugt hat er letztendlich durch seine Leistungsfähigkeit, seine Motivation und seine Lernbereitschaft.

Wirklich gute Bauzeichner und Architekten zu finden, wird immer schwieriger. Wir haben einen hohen Qualitätsanspruch an die Bewerber − nicht nur fachlich. Wir schauen auch auf die menschlichen und persönlichen Komponenten. Neue Kollegen müssen ins Team passen, die Chemie muss stimmen. Bei Herrn Euscher hat das alles gepasst. Und für seine Tätigkeit bei uns im Haus spielt die Körpergröße keine Rolle – sie ist uns auch egal.

Herr Euscher, Sie arbeiten jetzt seit mehr als einem halben Jahr bei pape architekten − wie läuft es?

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Daniel Euscher an seinem Arbeitsplatz.

Es war schon ein sehr gutes Gefühl, als ich im Oktober letzten Jahres den Arbeitsvertrag unterschreiben konnte. Man hat mich im Kollegenkreis sehr herzlich aufgenommen und das Betriebsklima ist klasse. Ich begleite zurzeit den Entstehungsprozess eines Projektes und habe die Möglichkeit, auch in andere Leistungsphasen reinzuschnuppern. Ich lerne jeden Tag dazu und fühle mich sehr wohl.

Übrigens: Der Arbeitsplatz von Daniel Euscher sieht aus wie bei den anderen − bis auf eine Ausnahme: „Ich brauche für meine Beine einen kleinen Hocker, das ist alles“, sagt der 35-jährige. Und sein Chef ergänzt: „Höhenverstellbare Schreibtische haben wir sowieso.“

Wichtige Fakten für Arbeitgeber

„Schwerbehindert“ ist ein Mensch im Sinne des Gesetzes, wenn ein Grad der Behinderung von 50 oder mehr festgestellt wird. „Gleichgestellt mit schwerbehinderten Menschen“ werden Menschen mit einem Grad der Behinderung von mindestens 30 aber weniger als 50 von der zuständigen Agentur für Arbeit, wenn die Aufnahme oder der Erhalt des Arbeitsplatzes behinderungsbedingt gefährdet sind.

Wichtig: Der Behinderungsgrad allein sagt nichts über die berufliche Leistungsfähigkeit eines Menschen aus.

Auch Schwerbehinderte sind kündbar. In den ersten sechs Monaten besteht kein besonderer Kündigungsschutz. Danach bedarf die Kündigung der Zustimmung des zuständigen Integrationsamtes. Dabei wird geprüft, ob es Möglichkeiten gibt, um das Beschäftigungsverhältnis gegebenenfalls zu erhalten. Sollten die Bedingungen für den Arbeitgeber nicht zumutbar sein, wird nicht am Beschäftigungsverhältnis festgehalten. Auch bei verhaltensbedingten Gründen oder vertragswidrigen Pflichtverletzungen besteht kein besonderer Kündigungsschutz.

Schwerbehinderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind nicht häufiger krank und nicht weniger leistungsfähig als andere. Alle Erfahrungen zeigen, dass sich die krankheitsbedingten Fehlzeiten von behinderten Menschen nicht von anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterscheiden. Menschen mit Handicap kennen ihre Belastungsgrenzen und sind meist gut auf ihre Behinderung eingestellt. Die körperlichen Defizite werden zudem häufig durch z.B. besondere Bildschirme oder angepasste Möbel ausgeglichen.

 

Weitere Informationen:

Ursula Obereiner
Jobcenter Herford
eMail: jobcenter-herford.presse@jobcenter-ge.de

 

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