Titelbild_Ausgabe_23-e1467884090350

Koordination – Integration – Förderung: Eine „Wunschliste“ für die zukünftige Umsetzung von Unterstützungsmaßnahmen

Wie im Leitartikel dargestellt versucht man in NRW in Zusammenarbeit mit allen verantwortlichen Akteuren bestmögliche Lösungen im Umgang mit der steigenden Zahl der Asylbewerberinnen und Asylbewerber zu finden. Anhand einiger Beispiele aus Ostwestfalen-Lippe wurden allgemeine Herausforderungen und Maßnahmen in dieser Ausgabe vorgestellt. Aber wie sieht die bisherige Bilanz aus? Wo bestehen Defizite, welche Lücken im System gilt es zu schließen?

Unterbringung

Herausforderungen:

  • Es gibt gravierende Unterbringungsprobleme, da Flüchtlinge wöchentlich zugewiesen werden.
  • Die schlechten Unterbringungsmöglichkeiten haben u.a. Auswirkungen auf Schulbesuch und Arbeit, da nächtlicher Lärm der Regelfall ist bzw. Mehrfachbelegungen dazu führen, dass es zu wenig Rückzugsräume gibt.
  • Bei der Unterbringung in privaten Wohnungen gibt es z.T. Schwierigkeiten mit den Nachbarn.
  • Die langen Genehmigungsverfahren im sozialen Wohnungsbau und der schon seit Jahren in den Städten oft knappe bezahlbare Wohnraum führen zu Engpässen bei der Wohnungssuche.
  • Das wirkt sich auch auf andere benachteiligte Gruppen aus, wie z.B. Alleinerziehende, und er-schweren zusätzlich eine angemessene Unterbringung der Asylsuchenden.

Wünschenswert:

  • Eine frühstmögliche individuelle Unterstützung – auch durch Sozialarbeit – in den Flüchtlingsunterkünften.

Sprachförderung

Herausforderungen:

  • Es fehlt allgemein an Sprachförderung und Sprachkursen, sowohl was die Finanzierung, das Personal als auch geeignete Räumlichkeiten betrifft.
  • Es besteht ein erheblicher Lehrkräftemangel (durch das BAMF bestätigt).
  • Seiteneinsteiger sind gesucht, aber für ehrenamtliche Deutschlehrer fehlt es an Qualifizierungsangeboten.
  • Im Jobcenter fehlt es an Dolmetschern (bzgl. fehlender Lehrktäfte und Dolmetscher sollte in Bielefeld die Universität um Unterstützung angefragt werden).

Wünschenswert:

  • Integriertes Fach- und Sprachenlernen sollte ins Regelförderangebot aufgenommen werden.
  • Flüchtlinge sollten ungeachtet ihres Status und ihrer Aufenthaltsperspektive eine umfassende und systematische Sprachförderung erhalten. Der größte Teil bleibt ohnehin dauerhaft in Deutschland.
  • Die Sprachkurse sollten möglichst schnell und zunächst niedrigschwellig wohnortnah angeboten werden.
  • Mehr und bessere Angebote in der Deutschförderung: größere zeitliche Flexibilität, größere Vielfalt, Kurse mit Sozialpädagogen und Jobcoaches.
  • Kompetenzfeststellungsformate für diverse Zielgruppen und Bedarfe (unterschiedliche Zeitpunkte und Phasen während des Lernprozesses).
  • Sprachliches Einzelcoaching „On-Demand“, wenn bspw. während einer Maßnahmeteilnahme noch Sprachförderbedarf festgestellt wird.
  • Akquise von Sprachpatinnen und Sprachpaten.
  • Einrichtung eines Dolmetscherdienstes, der dem Personenkreis für Behördengänge zur Verfügung steht.

Förderung Minderjähriger

Herausforderungen:

  • An den Schulen werden Auffangklassen für Flüchtlinge gebildet. Laut Koordinierungsstelle Schule-Migration gibt es aber zu wenig Termine für Schuleingangsuntersuchungen. Ohne diese Untersuchung ist ein Schulbesuch aber rechtlich nicht möglich.
  • Es fehlen KiTa-Plätze, um Kinder aus Flüchtlingsfamilien aufnehmen zu können.

Wünschenswert:

  • Schulungen zur „Interkulturellen Kompetenz“ in Verwaltungen, Kinderbetreuungseinrichtungen etc.
  • Lehrer/-innen müssen mit entsprechenden sprachlichen und interkulturellen Kompetenzen ausgestattet sein, damit schnellstmöglich Übergange von Auffang- in Regelklassen befördert werden.

Mobilität

Herausforderung:

  • Flüchtlinge sind durch ortsunkenntnis und/oder durch weite Wege in ihrer Mobilität und damit der Bewältigung des Alltags stark eingeschränkt.

Wünschenswert:

  • Die Mobilität von Flüchtlingen – insbesondere im ländlichen Raum – muss gefördert werden, bspw. durch Sozialtickets.

Arbeit

Herausforderungen:

  • Flüchtlinge sind oft jahrelang in Deutschland und wollen arbeiten, dürfen es aber nicht.
  • Diese Menschen entfernen sich sehr weit vom Arbeitsmarkt und sind dementsprechend immer schwieriger zu integrieren.
  • Stichwort: Lohn- und Vorrangprüfung

Wünschenswert:

  • Die Übergänge zwischen den einzelnen Förderelementen (Sprachkurse, berufliche Förderung) müssen schneller erfolgen.
  • Angebote zum Nachholen von Schulabschlüssen auch für Erwachsene.
  • Die Kompetenzen der Flüchtlinge (schulische bzw. berufliche Qualifikationen ) sollten frühzeitig festgestellt und diese entsprechenden (Nachqualifizierung) werden ggf. anerkannt werden.
  • Wohlwollende Ermessensausübung beim Thema „Beschäftigungsverbot“.
  • Gestattung von Finanzierungsmöglichkeiten des Lebensunterhalts schon während der Teilnahme an Sprach- und beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen (eine Art „Zuwanderer- BAföG“).
  • Angebote für Bewerbungstrainings und die Erstellung von Bewerbungsunterlagen auch für Flüchtlinge.
  • Die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsseist zwar grundsätzlich geregelt, Flüchtlinge landen aber häufig in Deutschland, ohne die entsprechenden Nachweise/Dokumente mit sich zu führen. Hier sollte es eine Möglichkeit der praxisnahen Feststellung von Qualifikationen geben
  • Sensibilisierung von Firmen und Ausbildungsanbietern für die Möglichkeit Flüchtlinge einzustellen oder ihnen einen Ausbildungsplatz anzubieten.
  • Akquise von Praktikumsplätzen bzw. Möglichkeiten zur Probearbeit

Gesundheit

Herausforderungen:

  • Es gibt zu wenig psychologische Betreuungsmöglichkeiten für traumatisierte Flüchtlinge, die Gewalt- und Kriegserfahrungen mitbringen.
  • Deutsche Psychologen sind zu wenig auf die speziellen Fluchttraumata spezialisiert, ehrenamtliche Helfer sind hiermit stark überfordert.
  • Vor der Aufarbeitung solcher Traumata ist an eine Vermittlung in Arbeit oft nicht zu denken. In Bielefeld gibt es ein spezielles Therapiezentrum, vergleichbares ist in den anderen Kreisen wohl nicht vorhanden.

Wünschenswert:

  • Verbesserung der der allgemeinen Gesundheitsversorgung.
  • Ausweitung der psychologischen Beratung zur Behandlung von fluchtbedingten Traumata.

Kommunikation/Organisation/Netzwerke

Herausforderungen:

  • Es fehlen z.T. noch Vernetzungsstrukturen zwischen den Kommunen (Integrationsbeauftragte, Jugendämter etc.), den Trägern der Wohlfahrt, Sprachkursanbietern, ehrenamtlich Tätigen usw.
  • Runde Tische oder Initiativen wurden in einigen Kommunen gegründet, aber noch lange nicht überall.

Wünschenswert:

  • Klare Strukturen und regionale Netzwerke.
  • Verbesserung der Informationsmöglichkeiten.
  • Möglichst schnelle Klärung des aufenthaltsrechtlichen Status der Flüchtlinge.
  • Kontinuität und Planungssicherheit bzgl. der Angebote, um qualifiziertes Personal halten zu können.
  • Zusammenarbeit mit den FSJ bzw. Bufdi-Stellen.
  • Ausbildung von Multiplikatoren.
  • Begleitete Übergänge (Laufzettel, aber auch Begleitpersonen wie geschulte Sprachpatinnen und Sprachpaten).
  • Ausbau der Ehrenamtsarbeit zur Betreuung und Begleitung von Flüchtlingen.

Fazit:

Viele der genannten Themen sind bereits in Bearbeitung und die Herausforderungen weithin bekannt, allerdings stellen wir fest, dass jede mit der Thematik befasste Stelle „das Rad neu erfindet“: Das heißt: gute Konzepte und gute Beispiele, an denen man sich in der Arbeit vor Ort orientieren kann, wären hilfreich.

Dieser Artikel wurde erstmalig in der Forum OWL Ausgabe 23, im Juni 2015 veröffentlicht. Die Autoren sind die Herrausgeberschaft des Forum OWL Magazins.

Ähnliche Beiträge
Titelbild 25
Hartz IV – eine Erfolgsgeschichte?
Titelbild_Ausgabe_23-e1467884090350
Flüchtlinge im Mühlenkreis – Ankommen und Leben in Minden-Lübbecke
Titelbild_Ausgabe_23-e1467884090350
Kompetenzen (an-)erkennen und fördern — Unterstützung im IQ Netzwerk
„alpha OWL“: Arbeit für Bleibeberechtigte und Flüchtlinge

Hinterlasse dein Kommentar

Dein Kommentar*

Dein Name*
Deine Internetseite