Integrative Arbeit – Integration durch inklusive Arbeit für Menschen mit Schwerbehinderung

Die Regionale Personalentwicklungsgesellschaft mbH setzt mit dem Jobcenter Arbeitplus Bielefeld und der Agentur für Arbeit Bielefeld das Projekt „Integrative Arbeit“ um. Ziel des Modellprojektes des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales ist die nachhaltige Integration von schwerbehinderten Menschen in den 1. Arbeitsmarkt aus den Rechtskreisen des SGB II und des SGB III, die zusätzlich psychosoziale Problemlagen entwickelt haben. Die Projektlaufzeit ist vom 01. Oktober bis 30. September 2018.

Die Teilnehmenden werden durch ein unternehmensnahes Angebot von inklusiven Erprobungsarbeitsplätzen schrittweise an den 1. Arbeitsmarkt herangeführt, um ihre Arbeitsfähigkeiten und beruflichen Qualifikationen durch das tatsächliche Tun in einem realistischen Arbeitskontext zu erproben und aufzubauen. Laufend sollen 30 Teilnehmende im Projekt sein. Die Verweildauer der Teilnehmenden beträgt in der Regel 12 Monate. Je nach individuellen Integrationsfortschritten kann die Teilnahme verkürzt oder verlängert werden. Es besteht das Projektziel 20 Teilnehmende in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse zu vermitteln.

Weiterentwicklung des Projektes durch dynamischen Arbeitskreis

Es gibt einen Arbeitskreis, der sich zweimal im Jahr trifft, um Maßnahmen und Aktivitäten des Projektes zusammenzutragen und auf ihre Wirkungen in Bezug auf gelungene Inklusion von schwerbehinderten Menschen zu prüfen. Der Arbeitskreis besteht aus einem festen Kreis. Dynamisch wird sich dieser Kreis mit Teilnehmenden zu speziellen Themen, Anregungen und Fragestellungen erweitern. Die Teilnehmenden des Arbeitskreises bringen Ihre Kompetenzen, Ideen und Fragestellungen in die Netzwerkarbeit ein und entwickeln damit das Projekt weiter.

Die Arbeitsplatzanforderungen bezogen auf den Teilnehmenden mit seinen Stärken und Fähigkeiten, aber auch seinem Entwicklungsbedarf, in den Blick zu nehmen und anzupassen, ist das Neue und Erfolgsversprechende an dem Ansatz. So haben sich bereits Anschlussperspektiven bei Arbeitgebern entwickelt, die ihre Erprobungsarbeitsplätze kontinuierlich, auf die Entwicklung der Teilnehmenden bezogen, anpassen konnten und sich in kleinen Schritten den Anforderungen des ersten Arbeitsmarktes näherten.

Seit Projektbeginn bis zum 28.04.2017 sind fünf Teilnehmende in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis. Außerdem wird eine Teilnehmende mit einer psychiatrischen Erkrankung im Nachgangscoaching begleitet, um durch die Entwicklung zunehmender psychischer Belastbarkeit die Aufnahme eines Minijobs im Bürobereich in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu erweitern.

Persönlicher Coach als Schnitt- und Vermittlungsstelle zwischen Teilnehmer und Arbeitgeber

Als Good Practice Beispiel veranschaulicht folgender Coachingprozess unsere Arbeitsweise:

Herr W. kommt vor vier Jahren aus Norddeutschland nach Bielefeld. Er ist alleinerziehender Vater eines siebenjährigen Jungen. Zu Beginn im Februar 2016 erfolgt für den Teilnehmenden eine eingehende Analyse der Arbeitskompetenzen und der psychosozialen Problemlagen sowie der gesundheitlichen Leistungseinschränkungen. Aufgrund schwieriger Familienverhältnisse ist Herr W. auf sich allein gestellt und kann sich anfangs nur einen arbeitszeitlichen Rahmen im Vormittagsbereich vorstellen.

Herr W. war bis zu seiner Bandscheibenoperation 2011 lückenlos als Kraftfahrer beschäftigt. Er arbeitete als Fernfahrer sechs Tage die Woche täglich 12-18 Stunden, bis er im Juli 2010 einen körperlichen und seelischen Zusammenbruch erlitt. Trotz einer Bandscheiben-Operation ließ sich die körperliche Gesundheit nicht wiederherstellen, so dass Herr W. seinen Beruf als Kraftfahrer nicht wiederaufnehmen kann. Laut amtsärztlichen Gutachten im Rahmen des Antrags auf Schwerbehinderung sollte Herr W. nicht schwer Heben und nicht länger als zwei Stunden einer ausschließlich sitzenden oder stehenden Tätigkeit nachgehen bei einem Grad der Behinderung von 50%.

Im Anschluss an das Profiling unterstützt der REGE-Coach die Konkretisierung der Zielsetzung und die Förderung der Veränderungsbereitschaft. Herr W. ist seit sechs Jahren in keinem Arbeitsverhältnis und ist verunsichert in seinem beruflichen Selbstverständnis und seiner Leistungsfähigkeit. Da Herr W. motiviert ist, langfristig wieder eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt aufzunehmen, wird gemeinsam ein Handlungsplan entworfen, der eine kleinschrittige und realistische Umsetzbarkeit, die im Einflussbereich von Herrn W. liegt, verdeutlicht. In den folgenden zwei Coaching-Gesprächen werden aussagekräftige Bewerbungsunterlagen erarbeitet, Vorstellungsgespräche vorbereitet und berufliche Orientierungen konkretisiert.

Erprobungsarbeitsplätze als Einstieg in den
1. Arbeitmarkt

Entsprechend der beruflichen Qualifikationen sowie der gesundheitlichen und psychosozialen Voraussetzungen von Herrn W. akquiriert der REGE-Coach bei unterschiedlichen Arbeitgebern einen Erprobungsarbeitsplatz. Der REGE-Coach kommt mit dem Deutschen Roten Kreuz intensiver ins Gespräch, und nach mehreren Absprachen sowie einem erfolgreichen Vorstellungsgespräch wird Herrn W. einen Erprobungsarbeitsplatz als Fahrdienstbegleiter im Bereich Personenbeförderung von Kindern und Krankenfahrten eingerichtet. Aufgrund seiner familialen Probleme und seiner geringen sozialen Unterstützung bietet sich für Herrn W. ein Erprobungsarbeitsplatz mit intensiver arbeitspädagogischer Begleitung an.

Hierfür erhält der Arbeitgeber je nach Bedarf eine Aufwandsentschädigung von bis zu 300 € im Monat. Bei arbeitsmarktnäherer Ausrichtung der Erprobungsarbeitsplätze erhält ein Unternehmen eine geringere Aufwandsentschädigung von pauschal 50 € im Monat, und der REGE-Coach übernimmt die arbeitspädagogische Begleitung bei deutlich geringerem Unterstützungsbedarf. Der REGE-Coach berät den Arbeitgeber auch hinsichtlich der formalen Voraussetzungen und schließt in Absprache mit dem kaufmännischen Bereich der REGE mbH eine Vereinbarung der Zusammenarbeit mit dem Projektteilnehmenden und dem Arbeitgeber ab. Herr W. nimmt dann nach dreimonatigem Coaching-Vorlauf im Mai 2016 seine Arbeitserprobung auf.

Es zeigen sich am Anfang der Arbeitserprobung gewisse Schwierigkeiten in der Vereinbarung der Arbeitszeiten mit den familialen Anforderungen. Herr W. klagt bei den Arbeitsplatzgesprächen über lange Wartezeiten zwischen den einzelnen Fahrten und den Erfordernissen auf Seiten des Arbeitgebers, das Zeitfenster zu erweitern, was mit den Betreuungszeiten seines Sohnes nicht vereinbar ist. Zudem kommt es wiederholt dazu, dass er Rollstuhlfahrer mit anheben muss, was sich gesundheitlich gleich negativ auswirkt. Herr W. kann dann in Absprache mit dem REGE-Coach und dem DRK für einen Fahrdienst eingeteilt werden, der sich besser mit seinen familialen Aufgaben als alleinerziehender Vater vereinbaren lässt (vier Stunden täglich nach Schulbeginn) und körperlich schweres Heben ausschließt. Die sozialpädagogische Betreuung der DRK organisiert einen Tagesgruppenplatz für den Sohn, der eine Betreuung über Mittag bis 16:00 Uhr ermöglicht.

Weitere Unterstützung durch Jobcenter

Somit hat Herr W. nach regelmäßigen Coaching-Gesprächen im zwei Wochen-Turnus nach drei Monaten die Stabilität erreicht, seine Arbeitszeit auf ein bis zwei Stunden täglich zu erweitern. Bei den Arbeitsplatzgesprächen im sechs Wochen-Turnus, die der REGE-Coach moderiert, werden diese Entwicklungsschritte nachgehalten und thematisiert und gemeinsam mit Herrn W. und den Ansprechpartnern des Arbeitgebers reflektiert, um die Arbeitsplatzbedingungen entsprechend nachjustieren zu können. Zum Ende des Jahres äußert der Arbeitgeber Interesse, Herrn W. unter gewissen Voraussetzungen zu übernehmen. Das DRK stellt Herrn W. eine Fahrerstelle in Teilzeit in Aussicht.

Der REGE-Coach nimmt Kontakt zum Jobcenter auf und klärt in einem gemeinsamen Gespräch mit Herrn W. und dem Jobcenter die Kostenübernahme für einen Personenbeförderungsschein. Das Jobcenter ist zudem bereit, einen Eingliederungszuschuss zu zahlen, um Unsicherheiten auf Seiten des Arbeitsgebers aufgrund des neuen Stellenzuschnitts vorzubeugen. Herr W. kann dann nach kurzen gesundheitlichen Einbrüchen und zeitlichen Verzögerungen seine Fahrerstelle zum 01. April 2017 aufnehmen und zeigt sich engagiert und zuverlässig im Arbeitskontext.

 

Weitere Informationen:

Doreen Zinser
REGE mbH

eMail: D.Zinser@rege-mbh.de

Gunda Sokoll
REGE mbH
email: G.Sokoll@rege-mbh.de

Maria Günther
REGE mbH
eMail: M.Guenther@rege-mbh.de

 

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