Schlüssel zur Integration

Die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt – harte Landung auf dem Boden der Tatsachen?

Standen vor zwei Jahren noch optimistische Prognosen bezüglich der Chancen der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte, so ist mittlerweile Realismus, teilweise auch Enttäuschung eingekehrt. Statt einer raschen Schließung der Fachkräftelücken ist ein starker Anstieg der Hilfebedürftigkeit, d.h. eine quantitativ starke Inanspruchnahme der sozialen Sicherungssysteme zu verzeichnen. Dies belegt eine neue Studie der Bundesagentur für Arbeit (Arbeitsmarkt kompakt – Fluchtmigration, Nürnberg 2017).

Hilfebedürftigkeit und Unterbeschäftigung von Personen aus den acht zugangsstärksten nichteuropäischen Asylherkunftsländern stiegen im Vorjahresvergleich. Seit Juni 2016 liegen Zahlen zu arbeitsuchenden und arbeitslosen Menschen vor, die aus ihren Heimatländern nach Deutschland geflohen sind. Im August 2017 wurden 497.000 geflüchtete Menschen als arbeitsuchend bei einer Agentur für Arbeit oder einem Jobcenter betreut, darunter waren 196.000 arbeitslos (+43.000).

Diese hatten folgenden Status: anerkannte Geflüchtete: 171.000, Aufenthaltsgestattung: 22.000, Duldung: 3.000. Hier wird auch deutlich, dass die meisten Geflüchteten mittlerweile dem Rechtskreis des SGB II zuzuordnen sind. Wie steht es vor diesem Hintergrund um die Chancen der Integration in den Arbeitsmarkt?

Bildungsprofile der Geflüchteten

Arbeitslose Geflüchtete sind überwiegend jünger als 35 Jahre und für fast zwei Drittel kommen nur Helfertätigkeiten infrage. Die Gründe hierfür sind vielfältig, schwache Kenntnisse der deutschen Sprache und fehlende anerkannte formale Berufsabschlüsse bzw. fehlende Berufserfahrung spielen eine große Rolle. 69 Prozent sind männlich, 31 Prozent sind weiblich.

Die Allgemeinbildung der Geflüchteten ist stark polarisiert. Laut Agentur für Arbeit haben von den arbeitslosen Geflüchteten 18,5 Prozent Abitur bzw. die Hochschulreife, 6,1 Prozent die Fachhochschulreife, 2,6 Prozent einen Realschulabschluss und 3,4 Prozent einen Hauptschulabschluss. 22,2 Prozent haben allerdings keinen Hauptschulabschluss und 23 Prozent konnten keine Angaben machen.

Diese Daten beruhen allerdings auf Selbstauskünften im Rahmen einer freiwilligen Befragung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und berücksichtigen nicht die Qualität der Bildung. So soll das Bildungsniveau syrischer Schülerinnen und Schüler vier bis fünf Jahre hinter dem von Schülerinnen und Schülern in Deutschland zurückliegen. „Wir müssen aufhören, uns das Bildungsniveau der Flüchtlinge schönzureden“, so das manager-magazin.de vom 23.01.2017.

Fast die Hälfte hat vermutlich keinen Schulabschluss. Es ist zu vermuten, dass ein Großteil dieser Personen Analphabeten sind. Dies belegt auch der hohe und stark steigende Anteil der Alphabetisierungskurse an allen Integrationskursangeboten (25,9 Prozent). Die Statistik über die Analphabetenraten aus den Herkunftsländern gibt hier zusätzlich Aufschluss: Laut UN liegt die Rate der Analphabeten bei den über 15-Jährigen in Afghanistan bei 61,8 Prozent, in Nigeria bei 40,4 Prozent, in Eritrea bei 26,2 Prozent, im Irak bei 20,3 Prozent und in Syrien bei 13,6 Prozent (UN Human Development Report 2011).

Arbeitsmarktintegration

Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung waren fast drei Viertel der befragten Geflüchteten (Männer: 81 Prozent, Frauen: 50 Prozent) im Alter von 18 bis 65 Jahren vor dem Zuzug nach Deutschland berufstätig (durchschnittlich 6,4 Jahre). 30 Prozent waren Arbeiter, 25 Prozent Angestellte ohne Führungsposition, 13 Prozent Angestellte mit Führungsposition und 27 Prozent selbständig (DIW Berlin: Politikberatung kompakt 116). Hier in Deutschland stellt sich die Situation völlig anders dar.

Die Integration in den deutschen Arbeitsmarkt steckt noch in den Anfängen. Laut Bundesagentur für Arbeit sind von den 1.429 Mio. erwerbsfähigen Leistungsberechtigten aus den acht nichteuropäischen Asylherkunftsländern 11 Prozent sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Zusätzlich zu diesen 157.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten gingen im Juni 2017 gut 56.000 Personen mit einer Staatsangehörigkeit aus den nichteuropäischen Asylherkunftsländern einer ausschließlich geringfügigen Beschäftigung nach (+17.000 im Vergleich zum Juni 2016).

Dies ist zunächst eine ernüchternde Bilanz, es gibt in jüngerer Zeit aber auch Bewegung. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit hat gemessen an der Vorjahresveränderung in den letzten Monaten an Dynamik verloren, was im Wesentlichen daran lag, dass mehr Menschen in Arbeitsmarktprogramme und Sprachkursen gefördert wurden.

Personen mit einer Staatsangehörigkeit aus den acht zugangsstärksten Asylzugangsländern haben ihre Arbeitslosigkeit beendet, indem sie eine Erwerbstätigkeit aufgenommen haben, 44.000 davon am 1. Arbeitsmarkt. Abgängen in den 1. Arbeitsmarkt konnte für 36.000 eine sozialversicherungspflichtig gemeldete Beschäftigung festgestellt werden.

Insgesamt werden überwiegend Helfertätigkeiten angestrebt (64 Prozent). Teilweise geschieht dies auch unter dem wirtschaftlichen Druck, die Familien unterstützen zu müssen bzw. Schulden abzutragen (Schlepper). Die arbeitslosen Geflüchteten suchen vor allem Beschäftigung in der Reinigung (24.100), in Lager und Logistik (18.500), als Küchenhilfe (14.600), im Verkauf (10.000) sowie im Büro und Sekretariat (6.200). Allerdings streben auch 19 Prozent eine Tätigkeit als Expertinnen und Experten bzw. Fachkraft an.

Fast ein Viertel der Arbeitslosen mit einer Staatsangehörigkeit aus den acht zugangsstärksten Asylzugangsländern hat dabei eine Anstellung in der Arbeitnehmerüberlassung gefunden, gefolgt von Beschäftigungsverhältnissen in Unternehmen, die wirtschaftliche Dienstleistungen erbringen und dem Gastgewerbe.

Handlungsbedarfe

Angesichts der vorliegenden Daten ist es kaum verwunderlich, dass der größte Handlungsbedarf nach wie vor in den Bereichen der Sprachförderung bzw. der Qualifizierung insgesamt liegt. Derzeit werden noch ganze Gruppen vollständig aus der Sprachförderung ausgeschlossen. Dies betrifft Personen mit Aufenthaltsgestattung, die keine sogenannte „gute Bleibeperspektive“ (aus den Herkunftsländern Eritrea, Irak, Iran, Somalia und vor allem Syrien) haben. Betroffen sind vor allem Menschen aus Afghanistan. Ohne Sprachförderung gibt es jedoch keinerlei Aussicht auf Sozial- und Arbeitsmarktintegration.

Aber auch für diejenigen, die einen Förderzugang haben, erweist sich das System als löchrig und wenig effizient. Nach den Prüfkriterien des Goethe-Instituts erreichen weniger als die Hälfte der Absolventinnen und Absolventen der Integrationskurse das B1-Niveau. Die Prüfungsergebnisse im Anschlussbereich der berufsbezogenen Sprachförderung sind derzeit katastrophal.

Insgesamt reduzieren sich die Chancen drastisch, gerade junge Menschen ins Ausbildungssystem zu integrieren. Bundesweit gab es gerade 24.990 Bewerberinnen und Bewerber für Berufsausbildungsstellen, davon 16.780 versorgte und 8.210 unversorgte. Gerade einmal 1,2 Prozent der Geflüchteten sind danach ins Ausbildungssystem integriert worden – mit hohen Abbruchrisiken.

Es gibt Zahlen der Handwerkskammer für München und Oberbayern, dass 70 Prozent der Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak ihre Berufsausbildung innerhalb von zwei Jahren abgebrochen haben.“ (manager-magazin.de vom 23.01.2017). Auch hier sind zu geringe Sprachkenntnisse ein wesentlicher Faktor. Ohne ein solides B2-Niveau ist vor allem der schulische Teil einer dualen Berufsausbildung kaum zu bewältigen.

 Chancen und Risiken

Obwohl der Anteil der Personen mit verwertbaren beruflichen Abschlüssen lediglich zwischen 10 und 20 Prozent zu veranschlagen ist, ist es aussichtsreich, diesen Personenkreis besonders zu unterstützen. Dies kann zunächst im Rahmen der Anerkennung dieser Abschlüsse erfolgen, wobei eine funktionierende Fachberatung und effiziente finanzielle Unterstützung bei der Begleichung der anfallenden Anerkennungsgebühren unabdingbare Voraussetzung ist.

Laut einer aktuellen BMBF-Studie hat rund ein Drittel der befragten Geflüchteten mit einem im Ausland erlernten Beruf die Anerkennung der im Herkunftsland erworbenen beruflichen Qualifikationen beantragt. Knapp die Hälfte dieses Personenkreises hat eine mindestens teilweise Anerkennung erhalten.

Vor allem mit einer gezielten individuellen Begleitung und der Unterstützung der Unternehmen bzw. Institutionen kann es gelingen, ausbildungsadäquate Einstiege in qualifizierte Beschäftigung zu erreichen. Hier gibt es positive Beispiele, so die Kooperationen mit dem Verein deutscher Ingenieure (VDI), Arbeitgeberorganisationen und vor allem von Unternehmen.

Trotz der ernüchternden Datenlage sind ja bereits teilweise Integrationserfolge erzielt worden, häufig auch Dank der unermüdlichen Unterstützung von ehrenamtlichen Unterstützerinnen und Unterstützern. Geflüchtete ohne Berufs- und Hochschulabschlüsse finden überdurchschnittlich häufig ihre erste Stelle durch persönliche Kontakte (60 Prozent) und nicht durch Arbeitsagenturen oder Jobcenter (IAB-BAMF-SOEP-Befragung).

Kritisch bleibt anzumerken, dass die politischen Zielvorgaben widersprüchlich sind (Sprachförderung) und die Fördersysteme zu wenig ineinandergreifen. In der Arbeitsmarktpolitik ist es in Nordrhein-Westfalen immerhin gelungen, im Rahmen der Integration Points eine punktuelle Verzahnung zwischen den Rechtskreisen SGB II und III zu erreichen.

Je stärker die Systeme bremsen, desto stärker leidet auch die Motivation der Geflüchteten, sich integrieren zu wollen. Dies wird bereits angesichts der schwindenden Akzeptanz von Sprachförderangeboten deutlich.

Der „worst-case“ wäre ein dauerhafter Verbleib von Geflüchteten in den sozialen Sicherungssystemen. Diese Gefahr ist groß. Internationale Vergleiche zeigen, dass es 15 bis 20 Jahre dauert, bis Geflüchtete ähnliche Beschäftigungsquoten wie die einheimische Bevölkerung erreichen (IAB 4/2017).

Quellen:
Bundesagentur für Arbeit; Arbeitsmarkt kompakt – Fluchtmigration, Nürnberg 2017

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge; Geschäftsstatistik zum Integrationskurs
DIW Berlin: Politikberatung kompakt 116
IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2016
IAB 4/2017; Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten in Deutschland. Der Stand zum Jahresbeginn 2017
manager-magazin.de vom 23.01.2017


Weitere Informationen:
Dr. Wolfgang Sieber

Netzwerk Lippe gGmbH
eMail: w.sieber@netzwerk-lippe.de

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