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Deutschförderung im Umbruch

Im vergangenen Jahr hat sich endlich die Erkenntnis durchgesetzt, dass zu einer gelungenen Integrationspolitik auch ein nachhaltig finanziertes System der Deutschförderung gehört. Neben einer Grundförderung wird nun auch eine differenzierte berufsbezogene Förderung auf verschiedenen Niveaustufen und für unterschiedliche Berufsgruppen angeboten.

Darüber hinaus  werden seit Mitte 2016 in dem Programm KompAS Integrationskurse und berufspraktische Orientierung miteinander verzahnt, um eine möglichst frühe berufliche Orientierung zu ermöglichen. Eine aufeinander aufbauende berufssprachliche Förderung bis zum Sprachniveau C2 bietet im Anschluss an die allgemeinsprachliche Förderung eine Vorbereitung auf die geplante berufliche Praxis. Diese Angebote werden in dem Gesamtprogramm Sprache (GPS) gebündelt.

Erste Weichen wurden gestellt

Mit der im Mai 2016 verabschiedeten Deutschsprachförderverordnung (DeuFöV) sind seitens des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) erste Weichen in diese Richtung gestellt worden. Die berufsbezogene Sprachförderung wird zu einem Regelinstrument des Bundes und ist nicht mehr, wie im 2017 auslaufenden ESF-BAMF-Programm, von den Mitteln des Europäischen Sozialfonds abhängig. Eine langfristige Förderung von Spracherwerbs- und damit Integrationsverläufen wurde somit in der Theorie ermöglicht.

Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass noch Lücken in der Förderung bestehen. Während z.B. für Geflüchtete mit „hoher Bleibeperspektive“ ein großes Spektrum an Fördermöglichkeiten besteht, ist die Förderung von Personen mit unklarer Bleibeperspektive i.d.R. lückenhaft.

Operative Umsetzung birgt einige Herausforderungen

In der Praxis wird erkennbar, dass noch erhebliche Herausforderungen in Bezug auf die operative Umsetzung bestehen. Bei der Kombination von Integrationskursen mit arbeitsmarktpolitischen Förderansätzen (KompAS) treten beispielsweise große Schwierigkeiten zutage. Eine parallele berufliche Orientierung gleich zu Beginn des Deutschkurses stellt die beteiligten Akteure vor große Herausforderungen, überfordert den Teilnehmenden und führt zu Abbrüchen und Fehlzeiten. Hier muss nachgebessert werden.

Aber auch die Tatsache, dass dieses Fördermodell in Vollzeit und unter erheblichem zeitlichen Druck umgesetzt wird, ist ein Grund dafür, dass die zur Verfügung stehenden Plätze nicht besetzt und die Ziele nicht erreicht werden. Viele Integrationskursträger beteiligen sich nicht an der Umsetzung, da aufgrund der unterschiedlichen Finanzierungsstränge (BAMF und BA) das Risiko der Unterfinanzierung groß ist.

Bei den Berufssprachkursen (DeuFöV) wurden die angestrebten Teilnehmerzahlen ebenfalls nicht im Ansatz in der geplanten Größenordnung erreicht, d.h. Kurse wurden nicht in nennenswertem Umfang umgesetzt. Hier liegt das Problem in der nicht vorhandenen Koordination. Daraus resultierend besteht für Jobcenter und Arbeitsagenturen keine Planungssicherheit und Förderketten weisen durch lange Wartezeiten für Teilnehmende immer wieder große Lücken auf. Auf der anderen Seite bestehen für die Sprachkursträger aus diesem Grund auch erhebliche wirtschaftliche Unsicherheiten und hohe finanzielle Risiken. Eine solide Personalplanung ist kaum möglich.

Trotz ausreichender Mittel noch zu viele Anlaufschwierigkeiten

Die Situation ist vor allem deshalb paradox, weil Mittel nicht nur in ausreichendem Maße, sondern aktuell geradezu überreichlich zur Verfügung stehen. Spiegeln sich hier ganz „normale“ Anlaufschwierigkeiten neuer Programme wider oder bedarf es einer umfassenderen Erklärung? Offiziell heißt es: „Die berufsbezogene Deutschsprachförderung (DeuFöV) liegt in der Ressortzuständigkeit des BMAS und wird vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge koordiniert und durchgeführt. Wer an den berufsbezogenen Sprachkursen teilnimmt, entscheiden die Arbeitsagenturen und Jobcenter.“ (Homepage des BAMF 2017)

Das operative Zusammenwirken unterschiedlicher Behördenstrukturen mit ihren jeweils eigenen Regularien bzw. Durchführungsbestimmungen umzusetzen ist eine große Herausforderung. Das Programm sieht vor, dass Arbeitsagenturen und Jobcenter Berechtigungsscheine für den Besuch ausstellen und anschließend entscheiden die Teilnehmenden, bei welchem Sprachkursträger sie einen Kurs besuchen wollen. Diese richten Kurse ein, wenn eine Mindestteilnehmerzahl von 15 erreicht ist. Die Kursangebote werden in KURSNET veröffentlicht. Soweit die Theorie.

In der Praxis stellt sich die Frage nach der Teilnehmersteuerung und der Angebotskoordination. Auch die Transparenz ist in beiderlei Hinsicht nicht gewährleistet. Es gibt keinen Überblick über die Sprachförderbedarfe insgesamt und das bestehende Förderangebot.

Die freie Kurswahl seitens der Teilnehmenden führt zu Zeitverlusten und großen Planungsunsicherheiten seitens der Träger − und letztlich auch der Arbeitsverwaltungen. Vorgesehene Steuerungsmechanismen wie KURSNET funktionieren nur bedingt, da auch unverbindliche Angaben eingetragen werden können. Gab es beim ESF-BAMF-Programm noch einen Gebietsschutz für die durchführenden Träger, so ist dieser für die Berufssprachkurse nach der DeuFöV aufgehoben worden. Der Wettbewerb der Träger untereinander verschärft sich. Eine schon erkennbare Variante besteht darin, „eigene“ Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Integrationskursen an sich zu binden, indem sie „ihren“ Teilnehmenden von Integrationskursen berufsbezogene Anschlusskurse an lukrativen Standorten in Aussicht stellen.

Auch damit geht eine Bedarfsorientierung verloren, denn gerade in den ländlichen Flächenkreisen gibt es randständige Gemeinden bzw. Gebiete, in denen es wenige bis keine Sprachförderangebote gibt. Die mit dem Integrationsgesetz des Bundes verbundene Wohnsitzauflage führt aber zu einer flächendeckenden „Verteilung“ von geflüchteten Menschen auch in die kleinen, randständigen Städte und Gemeinden. Wie soll bei den aktuellen Regelungen deren sprachliche Förderung gewährleistet werden? Schon bei den Integrationskursen gab es in der Vergangenheit große weiße Flächen auf der regionalen Landkarte, d.h. keine Angebote.

Staatliche_Sprachförderung_fuer_Asylbewerber_in_Deutschland

Weitere Informationen:

Dr. Wolfgang Sieber

Bereichsleiter Arbeitsmarktintegration beimNetzwerk Lippe gGmbH

eMail: w.sieber@netzwerk-lippe.de

 

Sabine Stallbaum

Projektleitung Integration durch Qualifizierung beim AWO Kreisverband Bielefeld

e.Mail: s.stallbaum@awo-bielefeld.de

 

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