Betreuung von psychisch erkrankten Arbeitssuchenden durch den Integrationsfachdienst im Auftrag des Amt proArbeit Jobcenters

Durch eine in Ostwestfalen-Lippe einzigartige Kooperation vom Amt ProArbeit, den Mühlenkreiskliniken und dem Integrationsfachdienst Minden-Lübbecke werden seit Sommer 2012 psychisch erkrankte Arbeitssuchende im SGB II-Leistungsbezug bei der Berufsorientierung und -planung, bei der Arbeitssuche, bei der Vermittlung sowie bei der Stabilisierung nach beruflicher Platzierung unterstützt. Die Erfolgsquote der beruflichen Eingliederung und Stabilisierung lag in den letzten Jahren immer weit über dem Durchschnitt.

Situation des Menschen mit psychischen Erkrankungen am Arbeitsmarkt

Die Inklusion von Menschen mit einer psychischen Erkrankung stellt eine besondere Herausforderung dar. In Deutschland leben ca. 400.000 bis 500.000 Menschen im erwerbsfähigen Alter mit einer chronischen psychischen Erkrankung. Diesen Menschen sollte nach einer Phase der Erkrankung und anschließender Rehabilitation wieder ermöglicht werden, am Arbeitsleben teilzuhaben.

Trotz erheblicher Verbesserungen in der Versorgung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung seit der Reform des SGB IX im Jahr 1999, gibt es vor allem im Bereich der Teilhabe am Arbeitsleben weiterhin strukturelle Probleme.

Nicht selten führen die Folgen einer psychischen Erkrankung und damit verbundenen langen Behandlungszeiten zum Verlust des Arbeitsplatzes. Sozialer Rückzug, finanzielle Probleme und die Angst vor Stigmatisierung sind weitere Folgen. Strukturelle Veränderungen am Arbeitsmarkt und die damit verbundenen Anforderungen an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wie erhöhte Flexibilität, ständige Anpassung der Kenntnisse, zeitlich befristete Arbeitsverträge und Unsicherheit wegen des Arbeitsplatzes können zur Verschlimmerung einer psychischen Erkrankung beitragen oder erschweren den (Wieder-)Einstieg in das Arbeitsleben.

Arbeit macht einen großen Teil der Identitätsfindung und der sozialen Zuordnung aus. Somit trägt Arbeit zu einem wesentlichen Teil zur Lebenszufriedenheit des Einzelnen bei. Menschen mit einer psychischen Erkrankung bilden hier keine Ausnahme. Das bislang vorherrschende Angebot entspricht leider in vielen Fällen nicht den Wünschen und Bedürfnissen vieler Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Nach Beendigung einer medizinischen Rehabilitation ist ein direkter Wiedereinstieg in das Arbeitsleben oftmals nicht möglich. Die Belastbarkeit und Kontinuität unter vollschichtigen Arbeitsanforderungen, soziale Kompetenzen müssen aufgebaut und wiedergewonnen werden. Eine berufliche (Neu-) Orientierung ist zudem oft ein Thema. Die Integrationsmöglichkeiten werden dadurch eingeschränkt und das Ziel der Teilhabe deutlich erschwert.

Der Integrationsfachdienst Minden-Lübbecke

Der Integrationsfachdienst Minden-Lübbecke (IFD) ist seit mehr als 25 Jahren ein kompetenter und erfahrener Partner für die nachhaltige berufliche Eingliederung von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen. Aufgabe des IFD ist es, Menschen mit Behinderungen im Mühlenkreis bei der Suche nach einer Ausbildungs- oder Arbeitsstelle zu unterstützen. Außerdem bereitet der IFD Menschen mit Behinderungen auf ihre jeweilige Arbeit vor und hilft ihnen bei etwaigen Problemen am Arbeitsplatz. Auf der anderen Seite informiert und unterstützt der Integrationsfachdienst Betriebe und Unternehmen, die behinderte Menschen einstellen wollen oder bereits beschäftigen.

Der Integrationsfachdienst Minden-Lübbecke arbeitet im Auftrag und in der Strukturverantwortung des LWL-Integrationsamtes Westfalen in Münster. Darüber hinaus wird der Integrationsfachdienst aber auch für andere Leistungsträger tätig.

Zielgruppen der Arbeit des Integrationsfachdiensts sind u.a.:

Arbeitsuchende Rehabilitanden sowie schwerbehinderte Menschen im SGB II-Leistungsbezug,

Beschäftigte von Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, die auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wechseln wollen,

Absolventen von Förderschulen beim Übergang von der Schule in den Beruf,

Hörgeschädigte Menschen im Beruf,

Menschen mit seelischen Erkrankungen beim (Wieder-)Einstieg in das Berufsleben Schwerbehinderte und/oder psychisch erkrankte Menschen in gefährdeten Arbeitsverhältnissen.

Maßnahme für psychisch erkrankte Menschen im Auftrag des Amt proArbeit Jobcenters

Ausgehend von den langjährigen Erfahrungen und den vorhandenen fachlichen Kompetenzen sowie dem bestehenden Netzwerk, hat der IFD für das Amt proArbeit Jobcenter ein Maßnahmeangebot entwickelt, das der Situation der psychisch erkrankten Menschen im SGB II-Leistungsbezug in besonderer Weise Rechnung trägt. Das Angebot des IFD richtet sich an Menschen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung von Behinderung bedroht oder aufgrund der seelischen Erkrankung bereits in ihrer Teilhabe am Leben in der Gesellschaft im Sinn des § 2 SGB IX beeinträchtigt sind. Die Beauftragung des IFD dieser Maßnahme erfolgt im Rahmen einer Einzelbeauftragung durch die Arbeitsvermittler und Arbeitsvermittlerinnen des Amtes ProArbeit Jobcenter. Vorrangig werden Menschen aus dem psychiatrischen Krankenhaus in Lübbecke oder den psychiatrischen Tageskliniken in Minden und Lübbecke betreut.

Der Integrationsfachdienst hat die Aufgabe der Beratung und Begleitung mit dem Ziel der Klärung der beruflichen Perspektive und Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt.

Im Mittelpunkt der IFD-Begleitung steht die Beratung und Unterstützung der Betroffenen bei der beruflichen Eingliederung. Besonderer Schwerpunkt der Berufsorientierung ist die Aufarbeitung der besonderen beruflichen Fähigkeiten der Klientinnen und Klienten sowie deren persönliche Stärkung mit dem Ziel einer weitgehenden Selbstorganisation ihrer Bewerbungsverfahren. Zur Betreuung des IFD gehört die Förderung von Lernprozessen. Kommt im Verlauf der Betreuung ein Arbeitsverhältnis zustande, unterstützt der IFD bei der Beantragung entsprechender Hilfs- und Fördermittel und sorgt außerdem für die Einrichtung eines behinderungsgerechten Arbeitsplatzes bei Bedarf. Die Nachhaltigkeit einer Vermittlung wird durch eine Nachbetreuung sichergestellt.

Der IFD arbeitet in allen Phasen des Beratungsprozesses eng mit den Ärzten und Sozialarbeitern der Mühlenkreiskliniken und dem Amt proArbeit zusammen. Laufende Rücksprachen mit dem Fallmanager sichern den Erfolg der Beauftragung. Für die Rückkopplung während der Fallbearbeitung stehen die Arbeitsvermittler und Arbeitsvermittlerinnen des Amtes proArbeit Jobcenter als zentrale Ansprechpartner für den IFD zur Verfügung.

Das Erstgespräch wird im Falle eines stationären Aufenthaltes in Absprache mit dem zuständigen Kliniksozialarbeiter durchgeführt. Dabei werden die Ziele und Vorge-hensweisen der angestrebten beruflichen Integration mit dem Klienten besprochen und konkrete Vereinbarungen über die IFD Betreuung getroffen. Das Amt ProArbeit Jobcenter beauftragt den IFD mit der Ausführung von individuell vereinbarten Modulen der Berufsorientierung und -integration.

Der idealtypische Verlauf einer IFD-Betreuung

Profiling
Ziele des Profiling sind die Feststellung der beruflichen Fähigkeiten und Fertigkeiten des Klienten, die Berücksichtigung der psychisch bedingten Einschränkungen, die Ermittlung des individuellen technischen, personellen oder finanziellen Unterstützungsbedarfs für eine zukünftige berufliche Eingliederung sowie die Entwicklung realistischer beruflicher Ziele. Dabei werden die persönlichen Potenziale und Neigungen untersucht sowie die regionalen Arbeitsmarktchancen ausgelotet.

Zur genaueren Ermittlung berufspraktischer Fähigkeiten kann ein bis zu vierwöchiges, betriebliches Erprobungspraktikum durchgeführt werden. Das Praktikum wird vom IFD − in Abstimmung mit proArbeit − in einem geeigneten Betrieb oder einer Dienststelle organisiert und vereinbart. Zum Auftragsinhalt gehören die Betreuung und Auswertung eines solchen Praktikums.

Auf Basis der Erprobung erstellt der IFD Empfehlungen für eine mögliche berufliche Integration und nimmt differenziert Stellung zu den Potenzialen des jeweiligen Klienten. Er beschreibt geeignete Arbeitsfelder, eruiert ggf. Bedarfe für weitere Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation oder der beruflichen Fortbildung. Sollten gesundheitliche oder sonstige Einschränkungen festgestellt werden, die einer beruflichen Integration entgegenstehen, finden keine weiteren berufsorientierenden Maßnahmen des IFD statt. ProArbeit wird darüber unverzüglich informiert.

In Absprache mit den Ärzten und/oder Psychologen, dem Amt proArbeit Jobcenter und dem Klienten wird vereinbart, ob und wie ggf. alternative Maßnahmen, z.B. im Rahmen einer medizinischen oder beruflichen Rehabilitation, angestrebt und durch den IFD unterstützt werden können (Einholen von medizinischen Gutachten, Beantragung von therapeutischen Maßnahmen usw.).

Bewerbungscenter
In Einzelgesprächen werden die gewonnen Bewerberprofile als Medium des Bewerbungscenters für die weitere Entwicklung der individuellen beruflichen Perspektiven der Klienten eingesetzt. Jeder Klient wird dabei unterstützt, seinen eigenen Fähigkeiten und Neigungen einen angemessenen Ausdruck zu verleihen.

Im Rahmen des Bewerbungscenters werden weiterhin die lokalen Arbeitsmarktchancen betrachtet, verschiedene berufliche Anforderungsprofile studiert sowie Kommunikations- und Verhaltensstrategien im Bewerbungsverfahren trainiert. Bereits vorliegende Bewerbungsunterlagen werden bei Bedarf aktualisiert und gängigen Standards angepasst.

Vorrangiges IFD-Ziel ist die Befähigung zur Eigenbewerbung und zur selbständigen Kontaktaufnahme zu geeigneten Betrieben. Erst in zweiter Linie werden die Klienten, deren Kompetenzen für eine selbständige Bewerbung nicht ausreichen, durch den IFD unterstützt.

Vermittlung
Der IFD unterstützt den Klienten bei der Auswahl geeigneter Betriebe, der Kontaktaufnahme mit Arbeitgebern und organisiert ggf. Vorstellungsgespräche. Im Rahmen des unterstützten Vermittlungsprozesses werden die fachlichen und sozialen Anforderungen von Unternehmen erhoben und mit dem Klienten erörtert. Arbeitgeber und Klient werden bzgl. Fördermöglichkeiten und Hilfsmitteln durch den IFD beraten. ProArbeit wird rechtzeitig vor dem Abschluss eines Arbeitsvertrages einbezogen.

Zur Anbahnung von sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen prüft der IFD, ob die Chancen durch ein Praktikum verbessert werden können. Ein Praktikum dient sowohl dem Kennenlernen des betrieblichen Umfeldes als auch der arbeitsplatzspezifischen Anforderungen. Es ermöglicht einerseits den Bewerberinnen und Bewerbern, sich mit ihren Fähigkeiten im Betrieb zu präsentieren und erlaubt  Arbeitgebern, die Klienten unverbindlich kennen zu lernen. Betriebliche Praktika werden nach vorheriger Abstimmung mit dem Amt proArbeit Jobcenter organisiert und vereinbart.

Sicherung
Nach einer entsprechenden Empfehlung des IFD im Abschlussbericht kann das Amt proArbeit Jobcenter den IFD beauftragen, nach Abschluss eines Arbeitsvertrages zur Stabilisierung des neu begründeten Arbeitsverhältnisses Arbeitgeber und Klienten für weitere sechs Monate zu beraten und zu unterstützen sowie eventuell notwendige Maßnahmen (z.B. personelle Hilfen, technische Hilfen, JobCoaching) zu initiieren und zu begleiten.

Ausblick

Die Erfahrungen der Maßnahme haben gezeigt, dass die Maßnahme eine sinnvolle Ergänzung des IFD-Leistungsangebots ist. Im Rahmen der Maßnahme konnten für die Teilnehmer überdurchschnittlich oft nachhaltige Integrationen in neigungs- und leistungsentsprechende sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse initiiert werden. Als wichtig für den Maßnahmeerfolg ist neben den umfassenden Erfahrungen des IFD insbesondere die sehr gute Kooperation mit dem Amt proArbeit Jobcenter sowie den Mühlenkreiskliniken zu benennen.

 

mindenWeitere Informationen:

Kerstin Troll
Integrationsfachdienst
Diakonie Stiftung Salem gGmbH
eMail: K.Troll@diakonie-stiftung-salem.de

 

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