Arbeitsmarktliche Integration geflüchteter Frauen: Herausforderungen – Grenzen – Chancen

Syrien, Iran, Irak, Eritrea und Somalia – vor allem aus diesen Ländern kommen Geflüchtete in den Kreis Lippe und beantragen hier Asyl. Anerkannte Asylbegehren wechseln in den Rechtskreis des SGB II und werden daher vom Jobcenter Lippe betreut.

Bundesweit erreichten in den vergangenen Jahren vor allem jüngere, männliche Geflüchtete Europa. Daher steht meist diese Gruppe im Fokus der Betrachtung. Wichtig wäre allerdings, insbesondere auch die Gruppe der geflüchteten Frauen verstärkt in den Blick zu nehmen, da sie bei der gesamtgesellschaftlichen Integration der Geflüchteten eine große Rolle spielen. Warum dies so ist, soll im Folgenden am Beispiel des Jobcenters Lippe erläutert werden.

Wichtig: Individuelle Förderung der verschiedenen Zielgruppen

Von den in den Kreis Lippe zugewanderten Menschen sind 61 Prozent Männer und 39 Prozent Frauen. Im Jobcenter Lippe werden alle Geflüchteten durch eine Beratung für Zugewanderte begleitet. Erstes Ziel hier ist der Erwerb der deutschen Sprache. Parallel dazu findet eine kontinuierliche Unterstützung der Integration in Gesellschaft und Arbeitsmarkt statt. Maßnahmen wie „Ankommen“, „AktiF – Aktivierung von Flüchtlingen“, „Perf-W – Perspektive für weibliche Geflüchtete“ und „Get started“ – Maßnahme für Geflüchtete unter 25 Jahren, unterstützen diesen Prozess. Über sinnvolle Förderketten sollen Geflüchtete in einem individuellen Prozess umfassend integriert werden.

Logo_LippeIndividuelle Förderung ist deshalb so wichtig, weil es eben nicht „die“ Geflüchteten gibt, auch nicht „die“ Frauen oder „die“ Männer. Um positive Effekte zu erzielen, ist es dennoch unerlässlich, eine grobe Einteilung in Zielgruppen vorzunehmen.

Bezogen auf die Zielgruppe der geflüchteten Frauen im Jobcenter Lippe soll in diesem Beitrag die Mehrzahl der Frauen mit eher schlechten Zugangsvoraussetzungen zur Gesellschaft und zum Arbeitsmarkt betrachtet werden, und nicht die gut ausgebildete und westlich ausgerichtete weibliche Fachkraft aus Syrien.

Verschiedene Maßnahmen für geflüchtete Frauen

Selbstverständlich ist es für jeden Akteur am Arbeitsmarkt reizvoll, die eigenen Erfolge herauszustellen. Meist gelingt dann aber keine kritische Analyse der problematischen Aspekte. Deshalb sollen an dieser Stelle einmal die Rahmenbedingungen der benachteiligten Flüchtlingsfrauen betrachtet und Vorschläge für eine sinnvolle unterstützende Begleitung beschrieben werden.

Zunächst möchten wir daher einen Blick auf die Qualifizierungsmaßnahme „AktiF – Aktivierung von Flüchtlingen“ richten. Diese Maßnahme wurde vom Jobcenter Lippe speziell für geflüchtete Menschen konzipiert. Sie dient der Orientierung im Hinblick auf Leben, Arbeit und Ausbildung in Deutschland, der beruflichen Kompetenzfeststellung, Vermittlung von Kenntnissen und Anforderungen verschiedener Berufsfelder, der Flankierung der weiteren Integrationsarbeit etc.

Im ersten (sechs- bis zwölfmonatigen) Durchlauf nahmen daran 246 geflüchtete Menschen im Arbeitslosengeld-II-Bezug daran teil. In dieser Gruppe waren 50 Personen Frauen und 195 Personen Männer. Alle Teilnehmenden waren in der Regel über 25 Jahre alt.

Schwierige Ausgangslage durch schlechtes Schul- und Bildungsniveau

Die schulischen und beruflichen Voraussetzungen der weiblichen Teilnehmerinnen sind höchst heterogen. Von den 50 Maßnahmeteilnehmerinnen konnte bisher eine Frau in den Bereich Altenpflege vermittelt werden. 45 Frauen der Gruppe können auf keinerlei berufliche Bildung zurückgreifen. Fünf Frauen haben eine nachweisbare Ausbildung. Vier Frauen gaben an, im Heimatland das Abitur gemacht zu haben. 13 Frauen gaben an, dass keinerlei Schulbildung vorhanden ist, 33 Teilnehmerinnen hatten Schulzeiten zwischen drei und neun Jahren absolviert.

Keine der Frauen verfügt über einen Pkw-Führerschein, 34 von ihnen sprechen kein Deutsch, 13 Frauen sprechen Deutsch auf A1 oder B1-Niveau, d.h. sie können sich auf einfache Art in elementaren Bereichen verständigen. An eine Ausbildung ist aber erst ab dem Niveau B2 zu denken.

Setzt man diese Zahlen ins Verhältnis zum Sprachniveau der Integrationskurse in Lippe wird die Problematik der schlechten oder nicht vorhandenen Schul- und Berufs(aus)bildungen bei Geflüchteten noch deutlicher: Aktuell finden im Kreis Lippe 74 Integrationskurse statt, 35 davon sind Alphabetisierungskurse.

Die vorliegenden Zahlen bedeuten nicht, dass alle Teilnehmenden in den Alphabetisierungskursen weder schreiben noch lesen können, vielfach gelingt dies lediglich in der lateinischen Schrift nicht. Dennoch unterstreicht die hohe Zahl der Alphabetisierungskurse die grundsätzliche Problematik des niedrigen Bildungsniveaus bei Geflüchteten über 25 Jahre. Und generell ist das Schul- und Bildungsniveau der Frauen schlechter als das der Männer.

Begrenzte Beratungsmöglichkeiten der geflüchteten Frauen
durch die Jobcenter

Hinzu kommt die Herausforderung der Kinderbetreuung während beruflicher Qualifizierungsmaßnahmen: Die 50 Frauen in der Maßnahme „AktiF“ haben insgesamt 151 Kinder. Somit haben die Frauen in dieser Gruppe durchschnittlich drei Kinder. Die tatsächliche Anzahl variiert dabei von einem Kind bis zu elf Kindern.

Ohne die genannten Zahlen verallgemeinern zu wollen, weisen sie doch auf Herausforderungen hin, denen die Jobcenter gerade in Bezug auf geflüchtete Frauen begegnen müssen, wenn die langfristige Integration dieser Menschen gelingen soll. Die vielfältigen Aufgaben können die Jobcenter unmöglich alleine bewältigen, da viele Aspekte tangiert werden, die über den klassischen Bereich der Arbeitsmarktintegration weit hinausgehen.

Die Beratungsmöglichkeiten im Jobcenter sind schon dadurch begrenzt, dass hier keine aufsuchende Sozialarbeit angeboten werden kann. Ein Problem, denn gerade geflüchtete Frauen sind persönlich kaum zu erreichen, wenn sie nicht zumindest die Bereitschaft aufbringen, eine Maßnahme des Jobcenters zu besuchen.

Je weniger die weiblichen Geflüchteten sich verständigen können, umso geringer sind ihre Integrationschancen. Der Spracherwerb kann natürlich nur gelingen, wenn die Integrationssprachkurse auch tatsächlich regelmäßig besucht werden. Vielfach ist aber eine ausreichende Kinderbetreuung nicht gewährleistet oder wird aufgrund der eigenen kulturellen Sichtweise nicht gewünscht, sodass die Frauen zu Hause bleiben.

Haben die Frauen mehrere Kinder, nehmen sie oft über Jahre hinweg nicht am öffentlichen Leben teil. So werden Frauen und Kinder isoliert und die Bildung weiterer Parallelgesellschaften ist vorprogrammiert.

Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es?

Verstärkte Kooperation von Institutionen, Verbänden und Beratungsstellen
Die Jobcenter sind auf die Unterstützung der Jugendämter angewiesen. Es müssen tatsächlich für alle Kinder die benötigten Kita- und OGS-Plätze vorhanden sein. Dies ist ein wesentliches Integrationselement. Bei der Suche nach Kinderbetreuungsmöglichkeiten müssen die Geflüchteten begleitet werden.

Familienplanung
Geflüchtete Menschen, vor allem Frauen, müssen über die Möglichkeiten der Familienplanung informiert werden und unkomplizierten Zugang zu Beratung und zu Verhütungsmitteln haben. Hier ist eine vernetzte Zusammenarbeit mit den Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen anzustreben.

Gewaltprävention
Geflüchtete Frauen müssen über ihre Rechte in Deutschland informiert werden sowie Informationen und Zugang zu Frauenberatungsstellen haben.

Wohnraum
Die Jobcenter können keinen Wohnraum vermitteln. Geflüchtete haben es in der Regel auf dem Wohnungsmarkt schwer und brauchen aktive Begleitung bei der Wohnraumsuche. Dies gilt umso mehr für Frauen. Einige geflüchtete Frauen nehmen die Möglichkeit wahr, sich hier aus evtl. erzwungenen Ehen zu befreien. Sie suchen vermehrt Schutz in Frauenhäusern. Sowohl beim Übergang ins Frauenhaus als auch bei der Suche nach einer eigenen Wohnung brauchen sie Unterstützung.

Überwindung kultureller Schranken
Frauen aus anderen Kulturen unterliegen oft Schranken, aus denen sie sich auch in Deutschland nicht befreien können oder wollen. Viele Frauen sehen sich ausschließlich in der Rolle als Hausfrau und Mutter. Erwerbstätigkeit wird als „Männersache“ angesehen und für sich selbst ausgeschlossen. Dies ist ein außerordentliches Integrationshindernis. Hier müssen kontinuierliche, niedrigschwellige Angebote vor Ort geschaffen werden, die den Frauen Zugang zu anderen Lebenswelten eröffnen.

Spracherwerb
Das Angebot von Frauenintegrationskursen mit Kinderbetreuung muss ausgebaut werden.

Bei der Integration geflüchteter Frauen sind die Jobcenter also mit vielfältigen und komplexen Aufgabenstellungen konfrontiert. Die Mitarbeitenden der Jobcenter werden dabei häufig zu umfassenden Lebensberatern, langfristigen Integrationsbegleitern im weitesten Sinne. Erfolgt ein Familiennachzug bei den subsidiär anerkannten Geflüchteten, wird sich diese Situation noch verschärfen.

Die Integration geflüchteter Menschen, insbesondere der Frauen, wird daher nur gelingen, wenn alle beschriebenen Unterstützungsfelder mit entsprechenden finanziellen und personellen Ressourcen ausgestattet werden.

Weitere Informationen:
Ulrike Grabow

Jobcenter Lippe
eMail: Ulrike.Grabow@jobcenter-lippe.de

 

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