Aktivierung von geflüchteten Frauen und Müttern mit Migrationshintergrund – eine Maßnahme des Jobcenters Minden-Lübbecke

Die Integration von Migrant_innen und Flüchtlingen stellt eine große Herausforderung für die Jobcenter dar. Insbesondere die Zielgruppe der geflüchteten Frauen und Migrantinnen mit Kindern, ist für die Mitarbeitenden der Jobcenter schwer erreichbar. Zwar besteht die Verpflichtung – teilweise auch als Auflage der Ausländerbehörde – einen Integrationskurs zu absolvieren, aber aufgrund fehlender, verlässlicher Kinderbetreuung können Mütter dieser Verpflichtung häufig nicht nachgekommen.

Befinden sich im Haushalt auch noch Kinder unter drei Jahren, sind Bemühungen zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt nur auf freiwilliger Basis möglich. Häufig geraten daher die Mütter mit kleinen Kindern im Arbeitsalltag aus dem Blickwinkel der Beratungskräfte.

Sprachkursträger können eine geregelte Kinderbetreuung nicht leisten

Eine Befragung der geflüchteten Frauen und Mütter im Jobcenter Minden-Lübbecke ergab, dass die Mehrheit ein großes Interesse am Erlernen der deutschen Sprache hat und möglichst bald einen Integrationssprachkurs besuchen möchte. Aber, je jünger und je mehr Kinder vorhanden sind, je eher gerät die Organisation einer verlässlichen Kinderbetreuung zum zeit- und kraftraubenden „Drahtseilakt“, sodass andere Problemlagen Vorrang erhalten und die Teilnahme am Integrationskurs für einen langen Zeitraum zurückgestellt wird. Oft bestehen auch familiäre Vorbehalte aufgrund kultureller und religiöser Wertvorstellungen.

Laut interner Auswertung des Jobcenters (Stand Juni 2017) hatten von den 860 gemeldeten geflüchteten Frauen zwischen 18 und 45 Jahren 427, d.h. 50 Prozent, Kinder im Alter von unter sechs Jahren. Nimmt man die Kinder im schulpflichtigen Alter (jünger als 15 Jahre) hinzu, so beträgt der Anteil sogar 70 Prozent. An einem Integrationskurs hatten nur 267 Frauen, d.h. 31 Prozent, teilgenommen.

Gespräche mit den Integrationskursträgern ergaben, dass sich die Träger ebenfalls eine Verbesserung der Teilnahmebereitschaft- und kontinuität der Migrantinnen an den Sprachkursen wünschen. Die Sprachkursträger selbst sehen sich zur Zeit nicht in der Lage, die Rahmenbedingungen der Kurse zu ändern, insbesondere Kurse mit Kinderbetreuungsangeboten zu organisieren.

Pilotprojekt in Minden

Aufgrund dieser Problematik hat das Jobcenter Minden-Lübbecke als Pilot für die Stadt Minden im Dezember 2016 kurzfristig ein neues Angebot mit einem regionalen Träger entwickelt. Innerhalb von 14 Wochen werden interessierte Migrantinnen auf die Aufnahme eines Integrationssprachkurses vorbereitet. Um familiäre Vorbehalte – insbesondere der Ehemänner – abzubauen, wurden die Familien im Vorfeld zu einer Informationsveranstaltung im Jobcenter eingeladen.

Viele Mitarbeitende staunten, als am Informationstag mehr als 90 Prozent der eingeladenen Migrantinnen in das Jobcenter kamen, i.d.R. begleitet von ihren Ehemännern und Kindern. Neben der Ansprechpartnerin und der BCA des Jobcenters, war auch die verantwortliche Trägermitarbeiterin, die selbst einen Migrationshintergrund und arabische Wurzeln hat, vor Ort.

Aufgrund des Einsatzes dieser Kulturmittlerin und der offenen Atmosphäre konnten viele Vorbehalte beseitigt werden. Nach einer kurzen Einführung verließen die Männer mit den Kindern den Raum, sodass nun ein intensiver Austausch mit den Frauen stattfinden konnte.

Von den Anwesenden wollten 25 Frauen direkt an dem Kurs teilnehmen. Leider war die Teilnahmekapazität auf 18 Personen begrenzt, aber ein Folgekurs wurde für Anfang 2017 in Aussicht gestellt. Zurzeit, d.h. mit Stand Oktober 2017, hat der dritte Kurs begonnen und das Interesse an einer Teilnahme (im Gegensatz zu vielen anderen Maßnahmen des Jobcenters) ist weiterhin groß.

Es besteht sogar eine Warteliste, denn viele Frauen haben in ihrem persönlichen Umfeld von der Maßnahme gehört und erkundigen sich direkt bei Ihrer Beraterin oder ihrem Berater nach einer Teilnahmemöglichkeit oder werden teilweise sogar von ihren Ehemännern für den Kurs angemeldet.

Was passiert im Kurs?

Innerhalb der Kurslaufzeit wird versucht mit den Frauen individuelle und verlässliche Kinderbetreuungsmöglichkeiten zu entwickeln, an familiären Problemsituationen zu arbeiten und die Gesundheit, Mobilität und auch das Verständnis der westlichen Wertvorstellungen zu fördern. In intensiven Gesprächen und dem gemeinsamen Austausch werden die Möglichkeiten und Voraussetzungen zur Teilnahme an einem Integrationskurs geklärt und teilweise auch eine direkte Anmeldung vorgenommen.

Um die Frauen nicht zu überfordern, wird die tägliche Kurszeit von zwei Stunden in der ersten Woche auf bis zu fünf Stunden zum Ende gesteigert. Außerdem wird eine vom Träger organisierte Kinderbetreuung vor Ort angeboten, was sich für die Teilnahme als unerlässlich erwiesen hat.

Welche Ergebnisse konnten bisher erzielt werden?

36 geflüchtete Frauen bzw. Migrantinnen nahmen an den beiden bisher abgeschlossenen Kursen teil. Von ihnen hatten 70 Prozent mindestens drei Kinder, sechs Frauen sogar fünf und mehr Kinder. 17 Teilnehmende haben direkt im Anschluss einen Integrationskurs begonnen. Für 52 Prozent der Frauen gab es zwar keine direkte Anschlussperspektive, doch sie haben Orientierung bekommen – nicht nur im Hinblick auf Kinderbetreuung, sondern auch über soziale und gesundheitliche Hilfsangebote und berufliche Perspektiven. Auch Wohnprobleme wurden besprochen und die Frauen wurden an das Regelberatungsangebot herangeführt.

Besonders eindringlich war der Fall einer jungen Frau, die aufgrund ihrer Erfahrungen im Krieg im Heimatland und auf der Flucht schwer traumatisiert war. Durch die Maßnahme – über die Hilfestellung der Trägermitarbeiterin und der anderen Teilnehmenden – fasste die Frau Vertrauen und konnte motiviert werden Hilfs- und Beratungsangebote aufzusuchen. Heute besucht sie einen Integrationssprachkurs.

Fazit

Der Kurs stellt eine erste Aktivierung der genannten Zielgruppe dar. Zwar wird nicht in allen Fällen eine direkte Einmündung in einen Sprachkurs erreicht – häufig ist immer noch die fehlende Kinderbetreuung problematisch – doch es erfolgt ein erster Schritt zur beruflichen Orientierung.

Seit 2017 hat das BAMF für Sprachkursträger weitere Finanzmittel und bessere Rahmenbedingungen zur Förderung von privaten Betreuungsangeboten zur Verfügung gestellt. Häufig sehen die Kursträger noch organisatorische Probleme – insbesondere fehlen geeignete Räume. Aber gerade das Beispiel der Aktivierungsmaßnahme zur Vorbereitung auf den Sprachkurs zeigt, wie notwendig solche Betreuungsmöglichkeiten sind, um Müttern mit kleinen Kindern schnellst möglich einen Zugang zu Sprache, der wichtigsten Voraussetzung für eine gelungene Integration der gesamten Familie in Deutschland, zu ermöglichen.

Das große Interesse und die kontinuierliche Teilnahme der Frauen unterstreicht die Notwendigkeit flexibler Kursangebote. Daher bleibt zu hoffen, dass die Integrationskursträger sich ein Beispiel an der o.g. Maßnahme nehmen und zukünftig parallele Kinderbetreuungsangebote für Sprachkursteilnehmende schaffen.

Weitere Informationen:
Burgis Ellertman
Kreis Minden-Lübbecke

eMail: b.ellertmann@minden-luebbecke.de

 

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